Extremweine: Der „White Zinfandel“

Hier beginnt unsere, den besonderen Weinen gewidmete Serie. Diese Woche befassen wir uns mit einem typisch amerikanischen Roséwein, der in den USA eine besondere Rolle gespielt hat und ein absolutes „Must“ ist.

 

 

Eine Zufallskreation

Der Zinfandel ist eine typisch kalifornische Rebsorte (Vitis Vinifera), die von einer kroatischen Traube und vom italienischen Primitivo abstammt. Er hat ein weißes Fruchtfleisch, die dicke Schale ist jedoch tiefrot, und er dient zu Bereitung von gut strukturierten Rotweinen. 1972, um den Rotwein noch stärker zu konzentrierten, beschloss der Winzer Robert Trinchero, seinen Bottich abzustechen. (Er entnahm am Anfang der Mazeration der Schalen mit dem Saft einen Teil der Flüssigkeit, wodurch der restliche Wein stärker konzentriert ist). Diese Technik ist in Südfrankreich verbreitet.

Der abgestochene Saft wird nach der Gärung „rosé de saignée“ genannt und ist trocken (ohne Restzucker). Um seinen ziemlich blassen Roséwein zu verkaufen, meldete Robert Trinchero die Bezeichnung „Rebhuhnauge“ bei der Agentur für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen (US Bureau of Alcohol Tobacco and Firearms) an. Die Agentur verlangte jedoch eine englische Benennung und so setzte Robert „White Zinfandel“ hinzu. Das wiederholte sich noch zwei Jahre, aber 1975 hörte die Gärung des White Zinfandel unpassenderweise frühzeitig auf. Der so erhaltene Wein ist somit ein süßer Wein mit geringem Alkoholgehalt. Ein ähnliches „Missgeschick“ widerfuhr den Schwestern Tatin mit ihrem berühmt gewordenen, kopfüber gebackenen Apfelkuchen.

 

Ein durchschlagender Erfolg

Dieser Wein mit seiner einfachen Fruchtigkeit, den man sich förmlich aus den Händen reißt, ist bald ausverkauft. Angesichts dieses Erfolgs machten sich auch die Nachbar-Wineries daran, White Zinfandel herzustellen. Dieser Wein wird einer der am weitesten verbreiteten Weine in den USA und er wird es bis in die 90er Jahre bleiben, als er von der Rebsorte Chardonnay abgelöst wird. Für die Trinchero, die heute ein wahres Imperium anführen (die Weine der Marke „Sutterhome“), generierte der White Zinfandel noch im Jahre 2003 ein Einkommen von 800 Mio. Dollar. Die Süße (etwa 29 g/l Restzucker - ein trockener Wein enthält selbst in den USA nur selten mehr als 8 g/l Zucker) und Leichtigkeit (9,8 % Alkohol) machen ihn besonders attraktiv für Gelegenheitskonsumenten, die eher Bier- (ein Lager enthält etwa 30 g/l Zucker) oder Limo-Trinker sind. 

 

 

 

 

Dienstleistungen

Die Wein-Snobs stachelten die Verbraucher dann zwar dazu an, sich ernsthafteren Weinen zuzuwenden (aus den Rebsorten Cabernet, Chardonnay, Pinot Noir, ...), aber man muss zugeben, dass dieser Wein den amerikanischen Winzern großen Nutzen gebracht hat. Er diente sozusagen als Initiationsbrücke, um das Geselligkeitspotenzial von Wein zu entdecken. Nicht zuletzt wurde dadurch auch die Möglichkeit geboten, zahlreiche, mit Zinfandel bebaute Parzellen zu bewahren, die teilweise einen kraftvollen, köstlichen Rotwein hervorbringen. Und warum nicht ab und zu gut gewürzte asiatische Fusion-Gerichte mit diesem Wein begleiten?

 

 

Geschrieben von Alain Echalier

 19/10/2017